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15. Februar 2026

Kolumne No. 6

The Fear of Being Perceived

Will ich mir nicht eingestehen, dass ich einen aggressiven Hund habe? Oder weiß ich es besser, weil sie meine Hündin ist und ich sie kenne? Muss ich mir von fremden Leuten, Arbeitskollegen oder Bekannten sagen lassen, dass hier ein Problem vorliegt? Als wäre es mir nicht bewusst, dass sie viel zu oft bellt, dass sie unsicher ist und mich beschützen will. Dass sie denkt, ihr Job wäre es, Verantwortung zu übernehmen, und sie deshalb Fremde verbellen will. Dass ich nicht weiß, wie ich ihr klarmachen kann, dass ihr Job nur darin besteht, süß zu sein?

Doch darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass mich Leute verurteilen. Die überforderte Hundebesitzerin. Für Außenstehende ist es viel zu leicht, zu verurteilen. Als Teenager war es mir völlig egal, was andere über mich denken. Damals war ich so viel cooler. Jetzt tut es einfach nur weh. Es mag die Wahrheit sein, die Fremde hier aussprechen. Ja, meine Hündin wirkt aggressiv, wenn sie bellt. Es ist nicht okay, was sie tut. Und weiter? 

Im Dorf würden die Leute tratschen. Wenigstens entgehe ich in der Stadt der Bitterkeit, mit der im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, getratscht wurde. Hier wird man nur schräg angeschaut, angepöbelt oder bekommt einen unfreundlichen Kommentar. Und oft bin ich versucht, mich in einen Streit verwickeln zu lassen. Es scheint wie der perfekte Moment, um dem Frust meines Lebens freien Lauf zu lassen. Einer fremden Person Worte wie Dolche in die Brust zu jagen, weil sie mich schräg von der Seite angequatscht hat, weil sie sich in der Schlange vordrängelt oder auf eine andere Art sozial unangebracht verhält. Manchmal scheitert es an Schlagfertigkeit, meistens weiß ich es auch besser. Es ist besser, seine Wut für sich zu behalten. Diskutieren hat in der heutigen Gesellschaft ohnehin selten einen Sinn. 

Ich war gestern mit meiner Schwester auf einem Indie-Konzert. Die Crowd wirkte, als hätte man die Teilnehmer der Kegel-Meisterschaft 1987 eingeladen. Weiße Männer 50+. Einer davon viel zu dicht hinter uns. Auf meine Bitte, Abstand zu halten, hatte er die beste Boomer-Antwort des Jahres: Er habe ja das gleiche Geld bezahlt wie wir. Das gibt ihm dann wohl das Recht, meine kleine Schwester zu belästigen. Aber als gut erzogene Frau fängt man keinen Streit an. Man schweigt oder bringt sich anderweitig in Sicherheit.

Es gibt Situationen, die einen einfach nicht loslassen. Wenn man nachts nicht einschlafen kann, kriechen sie ins Bewusstsein und wollen on repeat durchgespielt werden, immer bis zu dem Punkt, an dem man mit einer schlagfertigen Antwort den Sexismus benennen oder den anderen augenscheinlich zum Schweigen bringen könnte. Ist es, weil einem die Situationen peinlich sind? Oder weil man nicht nach seinen Werten gehandelt hat? Weil man nicht die Person war, für die man sich selbst hält? 

Es mag Überforderung sein, vielleicht bin ich auch einfach ein Sensibelchen, das lernen musste, taff zu sein, um in dieser Welt zu bestehen. Vor kurzem hätte ich beim gemeinsamen Lunch mit dem Team fast geweint. Etwas, das ich bei meinen Kollegen noch nie beobachtet habe. Es ging um meine Aussage, dass ich mir Adoption vorstellen könnte und nicht versessen darauf bin, meine Gene weiterzugeben (aufgrund von Vorerkrankungen, die ich nicht im Arbeitskontext offenlegen wollte). Meine Kollegen haben sich daran aufgehängt, dass ich meine Gene nicht für lebenswert halten würde, und nicht aufgehört zu reden, bis ich geschwiegen habe. Schweigen ist so eine mächtige Waffe, vor allem gegen empathische Menschen. 

The Fear of Being Perceived spielt hier sicherlich auch mit. Ich arbeite mein Leben lang daran, es abzulegen. Von der Schülerin, die nie im Unterricht gesprochen hat, wurde ich zu der Person, die Aufmerksamkeit und die große Bühne liebt. Es gibt aber immer noch Momente, in denen ich das Gefühl habe, zu groß, zu laut oder im Weg zu sein. Ich hasse es, zu Hause Sport zu machen, wenn mein Mann da ist. Es ist total unlogisch, aber ich fühle mich sogar beobachtet, wenn er im Nebenraum ist. Warum mir das im Gym nichts ausmacht, weiß ich nicht. Es mag daran liegen, dass dort der sozial angebrachte Raum für Sport ist. 

Meine Wut ist nicht per se gegen die Boomer, Kollegen und schon gar nicht gegen meinen Mann gerichtet. Es ist Wut auf die Unmöglichkeit der Situationen. Ich kann unmöglich meine gesamte Wahrheit offenlegen. Meinen Unsicherheiten freien Lauf lassen. Ich kann niemanden überzeugen, mich zu sehen. Mich mit meiner gesamten Persönlichkeit wahrzunehmen. Situationen im komplexen Gesamtzusammenhang zu sehen. Und ich muss es auch nicht. Ich muss nur damit leben, nicht von jedem verstanden zu werden. Nicht die People-Pleaserin für die Werners und Dieters der Welt zu sein. 

9. Februar 2026

Kolumne No. 5

Sommernachtsträume der falschen Generation

"Falls du noch wach bist, sag mir eins: Können wir nicht für immer sorglos, frei und jung sein?

Nur ist es nicht erlaubt, zu leben, ohne einen Gedanken an die ungewisse Zukunft zu verschwenden.

Dafür wurden wir in der falschen Generation geboren."

- Knochen & Träume / Blog 2012


Ich schätze mein jugendliches Ich sehr hoch. Sie hat die Welt auf eine klarere und ungeschöntere Weise gesehen. Als ich 2012 dieses Gedicht geschrieben habe, war mir wahrscheinlich gar nicht klar, wie recht ich damit hatte. Meine jungen Worte konnten Wahrheiten so klar auf den Punkt bringen, dass es mich heute noch erschreckt. Ich weiß nicht, wann ich das verlernt habe. Oder warum.

Mit fünfzehn war ich Nihilistin durch und durch. Für mich waren Menschen nur Tiere mit Überlebensinstinkt. Arterhaltung als einziger Sinn des Lebens. Mit sechzehn war ich dann eine etwas hoffnungsvollere Realistin. Arterhaltung wurde zum Wunsch, Mutter zu sein. Und heute mit dreißig, ein halbes Leben später?

Was bin ich heute? Ich bin immer noch wütend, in der falschen Generation geboren zu sein. Ich bin wütend, dass ich so viel härter für meine Träume kämpfen muss. Ich bin wütend, dass ich in meiner Kindheit und Jugend ein Versprechen bekommen habe, das all meinen Bemühungen zum Trotz nicht eingehalten wird. Das Versprechen, wenn ich mich nur genügend anstrenge, etwas lerne und die Karriereleiter in einem Büro hochklettere, würde ich es besser haben als meine Eltern. Denn sie hatten es ja auch besser als meine Großeltern, und die hatten es besser als meine Urgroßeltern. Es ist keine Philosophie, nach der ich lebe, sondern einfach Wut auf die Unfairness des Lebens.

Meine Familie hat dabei keine Schuld. Es ist das große Problem meiner Generation. Wir wurden alle mit diesem Versprechen erzogen, und wir wurden somit auch alle betrogen. Alles, was ich will, ist eine schöne Wohnung und die Zeit, meine eigenen Kinder großzuziehen. Nichts davon ist einfach so möglich. Meine Mutter hat meine gesamte Kindheit und Jugend nur einen Tag pro Woche gearbeitet. Ich bin in einem Haus mit großem Garten aufgewachsen. Und meine Eltern waren alles andere als reich.

Ich bin so viel besser aufgestellt, aber Wohnungsmarkt, politische Lage und das grundsätzliche Weltklima scheinen es auf meine Träume abgesehen zu haben. Wir sind zu spät geboren, um im Kapitalismus mitspielen zu können. Zu spät auf der Bühne des Lebens, um mitzuspielen. Der Applaus galt denen vor uns. Das ist der wahre Late-Stage Capitalism.

Aber meine Wut ist so wenig zielführend. Es muss einen besseren Weg geben, mit den Gegebenheiten umzugehen. Wenn man unglücklich ist, gibt es in der Regel nur drei Möglichkeiten:

  1. Man verändert die Situation
  2. Man verändert sich selbst
  3. Man lernt, die Situation zu akzeptieren


Um etwas an der Situation zu verändern, müsste man stark politisch aktiv werden. Das ist nichts für mich. Um mich selbst zu verändern, müsste ich entweder meine Ansprüche an mein Leben zurückschrauben oder meinen Kinderwunsch töten. In beiden Fällen kann ich die Depression schon anklopfen hören. Es bleibt also nur die Akzeptanz. Ich muss akzeptieren, dass nichts davon einfach wird. Ich muss bereit sein, das gebrochene Versprechen zu vergeben und damit beginnen, mich an eine Alternative zu gewöhnen.

Wie kann man etwas akzeptieren, das sich so unfair anfühlt? Man muss kreativ werden, die Schönheit in den kleinen Momenten finden und die Schwierigkeiten romantisieren. War es nicht immer langweilig, wenn man bei den Sims zu oft „motherlode“ eingegeben hatte? Sie hatten die tollste Wohnung, aber das Spielen selbst war eintönig, ohne Herausforderung. Waren wir nicht alle am glücklichsten, als wir frisch in die erste eigene Wohnung eingezogen sind und unter der alten Stehlampe auf dem Teppich Pizza gegessen haben? Die Unfairness des Lebens kann so romantisch sein, wenn man nur will.

Es geht nicht darum, in einer Illusion zu leben. Ich habe hohe Ansprüche an mich und mein Leben, und es gibt vieles, das ich nicht bereit bin zu opfern. Ich werde nicht aufs Land ziehen, ich werde nicht in einer hässlichen Wohnung wohnen, ich werde nicht auf Kinder verzichten. Mir ist bewusst, dass es hart wird. Keiner hat gesagt, dass es einfach wird. Aber das Leben, das ich mir ausmale, ist eines, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Manifestieren war schon immer mein Ding. Noch bevor ich das Wort dafür kannte, habe ich mir mein Leben ausgemalt. Als ich achtzehn war, habe ich mir vorgestellt, dass ich in meinen Zwanzigern in einer Großstadt leben würde, in coolen Klamotten ins Büro kommen würde und mit einem kleinen schwarzen Koffer auf Geschäftsreisen gehen würde. Ich habe mir meine Wohnung ausgemalt, meinen Partner und meine Freizeit. Es ist nicht genauso gekommen wie gedacht: Die Wohnung sieht anders aus, aber besser. Die Geschäftsreisen sind deutlich weniger glamourös. Und doch bin ich hier. Die Worte, die mich seit fünfzehn Jahren begleiten, werden mich nie verlassen: Es wird alles gut. Es wird immer alles gut (denn es ist noch nie nicht gut geworden).

Heute stelle ich mir vor, wie ich in der Wohnung unter unserer lebe, Dinnerpartys veranstalte, während mein Mann unsere Teenager-Kinder zu Sleepovers bringt. Ich bin in dieser Vorstellung eine erfolgreiche Autorin, die an ihrem nächsten Bestseller arbeitet. Ich erzähle meinen Freunden davon, wenn wir am großen Tisch auf dem selbst renovierten Balkon sitzen, über uns der Sternenhimmel einer lauen Sommernacht. Unterdessen werden meine Kinder ihre Freunde in der Nacht anstupsen und fragen: Falls du noch wach bist, sag mir eins: Können wir nicht für immer sorglos, frei und jung sein?


26. Januar 2026

Kolumne No. 4


Die Kunst, im Moment zu leben

Du kannst nicht zugleich Regisseur und Protagonist deines Lebens sein. Wenn du auf einem Konzert filmst, macht du dich selbst zur Crew, statt zum Ensemble. Und wofür? Damit deine Erinnerung nie verblasst?

Ich kann verstehen, dass das Verlangen groß ist, die eigenen Erlebnisse dokumentieren zu wollen, sie mit Personen teilen zu wollen, die nicht daran teilgenommen haben. Von einem Konzert nach Hause zu kommen und dem Partner einen Einblick zu geben, was man gerade gemacht hat. Oder sich selbst in den nächsten Jahren, die Erinnerung zurückzuholen. Aber ist es den Preis wert, den Moment aus der Perspektive einer Filmcrew zu erleben, statt aktiv daran teilzunehmen? 

Ich war gestern auf einem Konzert und es war großartig! Die Momente, die mich berührt haben, habe ich in mein Herz geschlossen - besser als meine Handykamera das je könnte. Ich erinnere mich an jedes Konzert, auf dem ich in den letzten Jahren war. Vielleicht verschwommener und verklärter, aber es ist alles da, was ich brauche. 

Gestern kam ich nicht umhin in die Kameras vor mir zu blicken und mich zu fragen, wofür? Ist es aus Gewohnheit, Überforderung oder Konformität? Oder ertragen wir es nicht, uns unserer eigenen Vergänglichkeit zu stellen? Zückt man das Handy, wenn die Angst, dass wir alle sterben und unsere Erinnerungen mit uns, überwiegt? 

Wie gern hätte ich einen Film meines Lebens, den ich einfach on repeat durchlaufen lassen kann, wenn ich melancholisch oder nostalgisch bin. Mit der passenden Filmmusik, einer guten Story und vor allem einem Vibe. Ich widerstehe der Versuchung dennoch, auf Konzerten mitzufilmen, mein Essen im Restaurant zu fotografieren oder Selfies vor dem Rheinturm zu machen. Zumindest meistens (siehe Foto). 

Es ist pure Ironie, wie unsere Gesellschaft mit Performances umgeht. Auf der einen Seite versucht sich jeder ständig selbst zu inszenieren und die eigene Persönlichkeit zur Marke zu machen, auf der anderen Seite scheint sich keiner mehr für die Performance der anderen zu interessieren. Als hätten wir verlernt, was Performance-Kunst eigentlich ist. 

Die große Frage ist: Wird Performance-Kunst zerstört, wenn man sie dokumentiert? Wird ein Moment zerstört, wenn man versucht, ihn einzufangen? Oder brauchen wir einen Anker, für den Vibe unseres Lebens? Werden wir so selbst zur Performance? Kunst in kleinen Filmschnipseln, die uns sagen: Das liebe ich und ich bin, was ich liebe. 

Kunst ist für mich etwas, das ich fühlen kann. Sie muss mich berühren. Das Erschaffene braucht eine Seele. Bilder, Musik, Texte ja sogar Gerichte können technisch noch so gut sein, wenn sie mich nichts fühlen lassen, ist es keine Kunst für mich. Ein sehr subjektiver Kunstbegriff. Ich weiß. Ist der Videoschnipsel des Konzerts dieser Definition nach Kunst, wenn das Gefilmte Gefühle in mir auslöst? 
Oder ist es nur ein blasser Schimmer der eigentlich Kunst? Der Performance selbst. 

Es scheint mir leichter zu fallen, als meinen Freunden, in den schönen Momenten auf das Smartphone zu verzichten. Denn ich habe noch ein anderes Medium, um mein Leben einzufangen und festzuhalten. Ich schreibe. Ich bin jeder Ader meines Seins Autorin. Mir steht die komplette Welt der Worte offen, um meine Erinnerung an das Konzert festzuhalten. Wo liegt hier der Unterschied zum Fotografieren und Filmen? Ich kann den Moment genießen, ihn in mich aufsaugen und ihn dann nachträglich - zeitverzögert - dokumentieren, romantisieren und in das Narrativ meines Lebens einweben.  

Schreiben ist für mich mehr als das. Es ist mein bester Weg zur Reflektion. Wenn ich nach einem Reim für ein Gedicht suche, ist es, als würden sich mit jedem Wort meine Gedanken sortieren und am Ende zu einem Entschluss führen. Ich kann mit den großen Einschnitten in meinem Leben abschließen, wenn ich sie Charaktere in meinem Roman durchleben lasse. Wie man an dieser Kolumne unschwer erkennen kann, kann ich nur über Dinge schreiben, die ich erlebt habe. Ich kann gar nicht anders, als zu schreiben. 

Meine Erinnerungen sind somit ordentlich verräumt in meinen Geschichten und Gedichten. Ich mache mich nicht zur Regisseurin meines Lebens, sondern zur Autorin. Es ist nicht besser oder schlechter - nur anders. Wie wir alle liefere ich eine erstklassige Show ab. Nur meine Performance findet nicht auf einem bewegten Bildschirm statt, sondern zwischen den Zeilen. 

18. Januar 2026

Kolumne No. 3

Du bist nicht deine Job-Beschreibung. Du bist mehr. 

Cafés, die 2026 noch Aufpreis für Hafermilch verlangen, sind unsympathisch. Ist das der tiefgründigste Gedanke, den ich diese Woche hatte? Absolut. Bestand meine Woche aus Kaffee, einem Bildschirm ohne Blaulichtfilter und meiner Jogginghose? Erwischt. Habe ich alle meine guten Vorsätze über Bord geworfen, weil in meinem Non-Sense Marketing-Job bis Ende der Woche eine Präsentation von mir verlangt hat? Schuldig. 

Warum passiert mich das immer wieder? Wie kann es sein, dass eine gesamte Woche für mein Arbeits-Ich drauf gehen kann? Neben Arbeiten habe ich diese Woche die Serie Severance nach Feierabend gesehen. Eine Serie über einen sinnlosen Bürojob im weitesten Sinne. Der Satz, der mir besonders gut gefällt: The work is mysterious and important. Ich weiß, dass mein Job nicht wichtig ist. Er ist das Gegenteil. Und dennoch falle ich auf die immer gleiche Falle immer wieder herein. 

Wie schaffe ich es, meinen Selbstwert von meinem Wert für einen gesichtslosen Großkonzern zu trennen? Es tut einfach gut, wenn man etwas gut kann. Und ich kann meinen Job gut. Ich bin eigentlich maßlos überqualifiziert. Aber die Bezahlung passt und in 8 von 10 Wochen habe ich eine gute Work-Life-Balance.  Wir sind ein kleines Team und lange Zeit habe ich Freundschaften und Arbeit strikt getrennt. Das hat sich seit ein paar Monaten geändert. Jetzt ist es mir nicht mehr egal, wenn meine Kollegen gestresst sind. Jetzt will ich arbeiten, um sie zu entlasten. Und zugleich ist ein Opiumkrieg der Komplimente auf mich eingebrochen. Ich bin süchtig nach der Anerkennung, die an jeder Ecke auf mich wartet, weil - wie gesagt - ich bin maßlos überqualifiziert. Verfallt nicht der Illusion, da würde eine Beförderung auf mich warten. Oder eine echte Anerkennung im Sinne von monetärer Anerkennung. Und so haben sie mich abhängig gemacht von den Brotkrumen an Lob, die sie mir hinwerfen. Fuck, bin ich frustriert. 

Ich will diesen Job ja nicht einmal. Ich will diese Karriere nicht. Ich will ein Privatleben. Ich will Autorin sein. Eines Tages will ich Mutter sein. Ich will mich über die Dinge definieren, die ich liebe, nicht die, mit denen ich die meiste Zeit verbringe. Letzten Samstag war einer der schönsten Tage seit langem. Ich war auf dem Flohmarkt mit meiner Schwester und mit meinem besten Freund im Museum. Zwei Verabredungen an einem Tag. Und das Museum hat so gut getan. Es ist seltsam, wie anstrengend und zugleich inspirierend Ausstellungen sein können. Es ist, als würde man daraus eine andere Art Kraft schöpfen. Nur, dass ich von dieser Kraft nichts mehr übrig habe, sobald es Montag 9 Uhr schlägt. 

Es ist, als wäre ich zwei Persönlichkeiten. Meine Arbeitsperson, meine "Innie", die alles dafür tut, dass man sie für klug, fleißig und zuverlässig hält und meine "Outie", die Freiheit und Kreativität über alles stellt. Anders als in Severance kennen sich meine beiden Persönlichkeiten allerdings. Und meine Outie verachtet meine Innie zutiefst. Und meine Innie bewundert meine Outie. Das klingt so ungesund! 

Es muss aufhören, dass ich die beiden Personas so strikt trenne. Ich muss aufhören aus meinem Job ein Game of Thrones zu machen, das ich nicht gewinnen kann. Weil ein Teil von mir nicht einmal spielen will, geschweige denn gewinnen. Ich muss meine Strategie ändern. Ich muss Grenzen setzen, das Minimalprinzip fahren, mich von extra Projekten fern halten, am besten einfach so wenig sagen, wie möglich. Ich muss Leute dazu bringen, mich nicht mehr zu mögen - die Königsdisziplin einer ehemaligen People-Pleaserin. Wenn ich zum ungeliebten Underdog werde, lassen sie mich dann in Ruhe? 

Oder muss ich erstmal einen Entzug machen, von der Sucht nach Anerkennung? Was wäre, wenn ich mit den Aufstiegschancen, den Boni und dem Lob gedanklich abschließe? Die Jagd beende. Wenn ich den Tür "Karriere" schließe. Für immer. Ohne den Spalt offen zu halten, ohne etwas warm halten zu wollen, was mir ständig überkocht. Das würde ich nach Freiheit anfühlen. Nicht wie Versagen. Nur da ist dieses kleine, schwarze, pelzige Angstbällchen in meinem Bauch. Oder ist es Gier? Es schreit auf jeden Fall nach (finanzieller) Sicherheit. 

Arbeiten, um zu leben, nicht leben, um zu arbeiten. Ich darf nicht zulassen, dass die Angst gewinnt. Es braucht nicht viel, um sie zu zerschlagen: Freunde, Liebe, Hobbys. Es sind alltägliche Augenblicke, wie der spontane Kinobesuch mit einer Freundin, der kurze Moment des gemeinsamen Kuschelns mit dem Hund, der mitgebrachte Coffee-To-Go bei dem die Hafermilch nicht extra kostet, die die Angst in Zaum halten. Auf das nächste Woche wieder eine "Outie"-Woche wird! 

11. Januar 2026

Kolumne No. 2

Sein statt werden

Es ist fast, als würden die Girls of Instagram sich selbst wie eine leblose Marke behandeln. Sich selbst re-branden, um in eine Aethetic zu passen. Das spielt definitiv in das Romantisieren des eigenen Lebens ein, aber ist doch ein sehr kurzfristig gedachter Ansatz. Es ist, als würde man immer nur Lebenskonzepte, Vibes oder Snapshots angeboten bekommen, in die man seine Persönlichkeit hüllen kann. Aber das macht doch keine Persönlichkeit aus. Eine starke Persönlichkeit kommt nicht von Dingen, die man kaufen kann. 

Allerdings können Dinge zu deiner Persönlichkeit werden. Wie? Über Zeit. Ich trage seit über zehn Jahren die gleiche Handtasche. Wenn man diese Tasche sieht, denkt man an mich. Es ist der Sound meiner Absätze über Holzboden, woran man mich erkennt. Ich habe Freundinnen, an die ich immer denken muss, wenn ich ein bestimmtes Parfum rieche. Oftmals ist es sogar die Kombination aus Dingen. Selten fühle ich mich mehr, wie ich selbst, als in dem einen Outfit, das ich seit Jahren besitze. Das ist für mich persönlicher Stil. Nicht der neusten Aethetic hinterzulaufen nur weil man einen Teil seiner Persönlichkeit in ihr sieht oder etwas darin sieht, das man gern sein würde. 

Zeit in die eigene Persönlichkeit zu investieren ist allerdings so viel schwieriger als Geld. Das gilt auch für die eigene Wohnung, nicht nur für den Kleidungsstil oder das Aussehen. Natürlich kann man sich auf Desenio eine Bilderwand zusammenstellen und eine Woche später ist sie da - oder man lässt sich Zeit und hat dann zu jedem Bild eine Geschichte zu erzählen. Ich habe beide Arten von Wänden in meiner Wohnung. Zur Desenio-Wand wurde ich noch nie etwas gefragt, während ich die Geschichten über die langsam entstandene Bilderwand bereits allen meinen Freunden erzählt habe. Sich Zeit lassen, bedeutet allerdings auch in Unfertigkeit zu leben. Leben im Prozess. Das ist nicht so leicht auszuhalten. Aber es lohnt sich. 

Es gibt so viele Videos und Inhalte, in denen einem gezeigt wird, wie man "That Girl" werden kann. Kaufe jene Skincare, verhalte dich so-und-so, mache diese Diät. Wenn du dünn bist, kannst du sein. Bis dahin hast du zu werden. Ein Leben in der Zukunft statt im Hier und Jetzt kann doch kein glückliches Leben sein. 

Was zudem in all diesen Videos niemals besprochen wird, ist der Fokus auf echte Beziehungen, Freundschaften, Bekanntschaften. Oft geht es nur um einen Fokus auf sich selbst. Erst, wenn man sich selbst fertig optimiert hat, darf man in die Gesellschaft als würdiges Wesen eintreten. Das ist überspitzt dargestellt, ich weiß. Im Kern geht es aber doch genau darum. Du musst darauf warten, bis du es verdient hast glücklich zu sein. Ich persönlich bin am glücklichsten, wenn ich nicht einmal die Zeit habe, mir Gedanken um mein Aussehen, meine Außenwahrnehmung und meine Essgewohnheiten zu machen. Ich bin am glücklichsten, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich mag. 

Diese Woche war eine richtig schöne Woche, weil ich mehr Tage hatte, an denen ich Freunde getroffen habe, als Abende allein vor einem technischen Gerät. Meine Schwester ist in meine Stadt gezogen, ich hatte Freunde zum Essen da, ich war im Museum und hatte eine fantastische Date Night mit meinem Mann. Mit meiner Hündin Mia bin ich in diverse Schneeabenteuer geraten - inklusive eines Schneesturms in der Mittagspause (Bild anbei). 

Einer meiner Vorsätze ist, mindestens ein soziales Event pro Woche zu haben. Das klingt tief gestapelt, aber ich weiß, dass ich vor allem im November / Dezember letzten Jahres durchaus Wochen hatte, in denen meine Leben aus Arbeit und Couch bestand. Viele meine Freundinnen wohnen nicht in meiner Stadt, weshalb wir zu gemeinsamen Wochenend-Trips übergegangen sind - sehr zu empfehlen. Meine Freundinnen kannten sich bis zu meinem Junggesellinnenabschied nicht einmal. Da wir uns alle aber richtig gut verstanden haben, wollen wir dieses Jahr nochmal ein Wochenende gemeinsam verbringen. Das sind die Momente, die mich glücklich machen. Und dadurch ist das auch einer der Vorsätze, der mir am leichtesten fällt. 

Mit all meinen Vorsätzen gehe ich sorgsam um. Wie letzte Woche angekündigt, habe ich insgesamt in acht Kategorien Vorsätze. Man kann sich nicht auf alles gleichzeitig konzentrieren. Und selbst, wenn man sich nur auf eins konzentriert, ist es wichtig, dass man liebevoll mit sich selbst umgeht. Das weiß ich, weil ich damit meistens zu kämpfen habe. In der ersten Januarwoche war ich gar nicht beim Sport, diese Woche habe ich trotz Krankheit zweimal Sport gemacht. Das ist ein Anfang. War das Ziel höher? Natürlich. Ist zwei mehr als null. Auch das ist wahr. Ich verfolge eine Youtuberin, die ein Messi-Problem hat (Hoarder's Heart). Sie sagt immer, sie macht alles in Baby-Steps. Und genau diesen Ansatz verwende ich auch für meine Vorsätze. Es geht nicht darum, sein Leben in einer Woche umzukrempeln, sondern das Leben im Prozess zu ertragen, vielleicht irgendwann sogar zu genießen. Auf jeden noch so kleinen Erfolg stolz zu sein. 

Meine aktuelle Strategie ist, alle Vorsätze gleichzeitig zu bearbeiten, aber mich auf gewisse Aspekte zu fokussieren. Mein Ziel für meinen Job ist beispielsweise weniger Workaholic und mehr Unterdog zu werden. Ich habe damit angefangen, nur vormittags ins Büro zu gehen und nachmittags im Home Office zu arbeiten. Zudem versuche ich in Meetings meinem Mund zu halten (gelingt mir noch nicht ganz). 

Mein liebster Vorsatz im Moment ist mich selbst weiterzubilden. Ich fange damit an, alle ungelesen Bücher in meiner Wohnung zu lesen. 40 Seiten pro Tag. Das klappt erstaunlich gut. Ich habe mir dafür eine Tabelle erstellt, mit genauen Lesezielen pro Buch. Dabei will ich vier Bücher parallel lesen. Ein fiktionales Spaß-Buch zur generellen Motivation, einen Klassiker für die Schreibskills, ein Sachbuch, weil AI das, was wir wissen, verwischt und ein Lyrik-Buch für die Gefühle. 

Jeder Vorsatz, der mir am schwer fällt, hat mit dem Aufbau von Routinen zu tun. Was, jetzt, wo ich es aufschreibe, sehr logisch klingt. Routinen bauen sich nicht innerhalb einer Woche auf. Sie brauchen ewig und sind aber innerhalb einer Woche komplett zerstörbar. Regelmäßiges Schreiben, Sport, Morgen- und Abendroutine machen mein Leben so viel besser und dennoch muss ich bei allem so viel Willenskraft aufwenden. Es heißt, es braucht 60 Tage um eine Routine in eine Gewohnheit zu verwandeln. Ich kann im März ja mal ein Update geben, ob das klappt. 

Natürlich ist diese Kolumne auch ein Vorsatz. Sie soll mir helfen, mich an meine Vorsätze zu halten, in dem ich mich hiermit verpflichte. Das bedeutet, ihr hört von mir jetzt wöchentlich. 

(Ich hab's getan, ich hab mich dazu verpflichtet, wöchentlich zu schreiben!) 

4. Januar 2026

Kolumne No. 1

Main-Character-Syndrome

Ist meine Geschichte auserzählt? Ist es soweit, dass ich nicht mehr der Hauptcharakter meines eigenen Lebens sein werde? 

Das neue Jahr hat begonnen. Ich habe mir wie jedes Jahr die üblichen Verdächtigen als Vorsätze gesteckt. Zurück in die Routinen -  ein gesünderes, besseres Ich werden. Und dennoch habe ich das Gefühl, dass es nicht mehr viel zu tun gibt. Ich bin dreißig, verheiratet, habe einen Hund und einen soliden Job. Es gibt kein Drama mehr. Meine Freunde haben die spannenden Geschichten und Entwicklungen. Ich beobachte nur noch. Und ich weiß nicht, ob das etwas Gutes oder Schlechtes ist. 

Ich hatte doch schon Main-Character-Syndrome, bevor es überhaupt ein Wort dafür gab. Wie man nicht der Hauptcharakter seines eigenen Lebens sein soll, übersteigt meinen Horizont. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie das gehen soll. Und es macht mir ehrlich gesagt Angst. 

Meine Youtube-Bubble ist voll von Leuten, die 2026 zu ihrem Jahr machen wollen. Abnehm-Journeys, Declutter-Videos und paradoxerweise Tipps wie man endlich Social Media "quittet". Girl, dein Job ist Social Media - Denkst du wirklich, dass du die richtige Person bist, dafür Tipps zu geben? 
Wer ein Offline-Leben hat, gibt keine Tipps auf Social Media. Man lebt sein Leben im Hier und Jetzt, oder? Würde ich über mich sagen, dass ich ein Offline-Leben führe? Kann man überhaupt noch ein Sozialleben haben, wenn man 100% offline ist?

Letztes Jahr habe ich mich von Social Media großteils verabschiedet. Ich habe nur noch Youtube auf meinen Geräten installiert, weil ich ohne Videos über das Weltall oder Game of Thrones nicht einschlafen kann. Ein Laster, das ich beschlossen habe, nicht aufgeben zu wollen, weil es mich zu glücklich macht und dafür zu wenig schadet. Zum Glück sind YouTube Shorts so ein furchtbarer Ort, dass man dort auch freiwillig keine Zeit verbringen will - außer man ist richtig schlimm verkatert. Youtube selbst ist für mich das, was früher Fernsehen war. Ich schaue meine "Serie" (aka bestimmte Kanäle, deren Videos ich jede Woche sehe) und gucke, was mir sonst so vorgeschlagen wird. Und wir zahlen für Youtube Premium. Sonst wäre wohl auch das ein unerträglicher Ort. 

Mit einem Job in der Werbebranche kann ich sagen: Es ist abzusehen, dass alles, das sich mit dem Internet verbinden lässt, potentiell Werbung ausspielen kann. Der Kühlschrank, jede einzelne App, sogar das kleine Bedienfeld auf der Waschmaschine. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass europäische Gesetzgeber das so einfach zulassen werden, aber technisch ist es bereits jetzt möglich. 
Was ich damit sagen will: Jeder technische Fortschritt ist solange toll, bis er von Werbung ruiniert wird. Google, Blogs, Instagram, Podcasts und irgendwann sicherlich auch ChatGPT. Und Social Media ist diesem Phänomen schon zum Opfer gefallen. Es gibt dort nichts mehr, das sich für mich echt anfühlt. 

Mein Leben ist so viel besser ohne Social Media, ohne digitale Medien generell. Je weniger ich auf Bildschirme schaue, desto glücklicher bin ich. Auch wenn es gerade "trendy" ist, analog zu sein - manchmal haben Trends einen guten Grund. Mir ist bewusst, dass ich mit der Kolumne, die ich hier starte, alles andere als analog unterwegs bin. Da das hier ohnehin niemand liest, zählt das doch aber nicht als Social Media, oder? 

Hier kann ich Carrie Bradshaw spielen kann. Denn ich kann nicht anders, als mein Leben zu romantisieren. Das ist für mich ein viel zu großer Bestandteil von einem glücklichen Leben. Es muss eine Geschichte erzählen und am besten eine gute. Da wären wir dann wieder beim Main-Character-Syndrome. Mir ist durchaus bewusst, dass der Begriff abwertend konnotiert ist. Für mich allerdings nicht. Für mich ist es das beste Mittel gegen Depression. Wenn ich es schaffe meinen Alltag zu romantisieren, ist das wie ein Schutzschild gegen Existenzkrisen. 

Nein, meine Geschichte ist noch nicht auserzählt. Ich brauche nur einen Hebel, der mich in die Verantwortung zieht, meinen Alltag zu romantisieren. Dabei geht es nicht darum, eine große Veränderung herbeizuzaubern, eher die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen, wieder zu sehen. Diese Kolumne soll das für mich werden.

Romantisiere dein Leben, bis du selbst der Hauptcharakter deiner Geschichte bist. 



5. April 2025

 Mein wildes Herz schlägt in deinen Händen.
Meine Hoffnung ist noch nicht gestorben.
Es ist noch nicht alles Gute verdorben.

Wir sind durch das Schicksal verbunden.
Der Druck der Zeit hat uns geschunden.
Ich glaube an ein Für-Immer mit dir.

Halt mein Herz, solange du magst.
Zerquetsch es nicht. Behüte es! 
Es ist alles, was ich zu geben vermag.




Abgeben

 Es wird ein Leben 
mit und ohne UNS geben.
Es gibt nichts zu vergeben.
Ich lass dich frei.
Lass alles los.
Was sein soll,
wird sein.

Ich werde glücklich sein.
Alles wird gut.
Es wird immer alles gut.
Es ist mir alles zu viel.
Gott, ich geb es ab.