Zwischen Aperol und Folsäure.
Bin ich bereit, meine 20er hinter mir zu lassen?
Ich trauere um sie, keine Frage. Ich lasse mich trauern. Denn das halte ich für wichtig.
Ich hatte eine tolle Zeit voller Selbstfindung und -verwirklichung. Wie sehr habe ich das Dating-Leben geliebt - mit all den Dramen, Auf und Abs. Wie sehr das Studentenleben mit den endlosen Nachmittagen in Cafés. Alles war neu und spannend. Neue Stadt, neue Wohnung, neuer Job. Und jetzt ist die größte Neuigkeit dieses Jahr mein neues Sommerkleid, das eigentlich nicht neu, sondern second-hand ist.
Es ist, als würden sich die Türen langsam schließen. Mit 18 nach dem Abi hatte man noch gefühlt 100 Türen offen und man hat dann einige geschlossen, indem man sich für ein Studium entschieden hat. Aktuell habe ich das Gefühl, dass nur noch wenige Türen offen sind und diese sich ganz langsam schließen. Ich renne dann immer wieder von einer zur anderen und schubse sie auf. Vielleicht wird es Zeit, irgendwann mal durch eine Tür wirklich durchzugehen.
Doch ich bin keine Berufseinsteigerin mehr. Ich habe theoretisch sogar einen Senior-Titel. Es ist, als hätte ich auch einen Senior-Titel für mein Leben bekommen, als ich geheiratet habe. Dazu muss man wissen, ich bin die erste in meinem gesamten Freundeskreis, die verheiratet ist. Durch meine Hündin Mia habe ich jeden einzelnen Tag Verantwortung. Die Sonntage im Bett mit Serien sind schon so lange vergangen, dass ich nicht mehr weiß, wie man sie genießt, wenn sie doch mal vorkommen (ohne, dass man krank ist).
Ich fühle mich wie die Ratgeberin in den Leben meiner Freunde und habe dabei selbst immer weniger zu berichten. Und das hat eine neue irrationale Angst in mir freigeschaltet. Die Angst davor, langweilig zu werden. Ich bin nicht bereit dafür, wie Menschen reagieren, wenn sie erfahren, dass ich verheiratet bin. Dieser Blick, als wäre ich alt, reifer, weiser und direkt so viel langweiliger.
Vor einer Weile saß ich auf einer unnötig langen Busfahrt von Köln nach Düsseldorf nach einem Konzert neben Mädels Mitte 20. Berufseinsteigerinnen, Studentinnen, gerade frisch umgezogen oder getrennt. Und mich hat ihr Blick getroffen, als sie erfahren haben, dass ich verheiratet bin, 7 Jahre Berufserfahrung habe und einen Hund besitze. Es war nicht einmal ein böser Blick. Aber ich habe gespürt, dass ich nicht Teil ihrer Gruppe war. Wie ich diesen Teil meines Lebens hinter mir gelassen habe - wobei ich dank Covid nie wirklich Mitte 20 war. Manchmal habe ich das Gefühl, ich versuche die verlorenen Jahre deshalb nachzuholen.
30 werden war nie das Problem. 30 Über Nacht war mein Lieblingsfilm mit 13. Doch ich habe das Gefühl, in meiner Freundesgruppe sind mein Mann und ich den anderen "einen Schritt voraus". Die meisten sind Single, frisch in einer Beziehung oder wollen ohnehin keine Kinder.
Im Dating spricht man mit seinen FreundInnen viel über die Probleme mit der gedateten Person - das gesamte Sexleben wird auseinandergenommen. In einer Beziehung schon weniger, und dann wird in der Ehe plötzlich erwartet, dass man keine Probleme mehr hat oder sie für sich zu behalten hat.
Aber was macht man, wenn dein Partner den nächsten Schritt gehen will? Den man selbst auf jeden Fall auch gehen will. Es sich mehr als alles andere wünscht. Aber für dich bedeutet es größere Opfer als für deinen Partner. Weil du bist die Frau. Dein Körper wird ruiniert. Dein Sommer wird ruiniert, wenn du jetzt schwanger wirst. Ich will das schöne Wetter genießen und nicht mit Morgenübelkeit danebenstehen, während meine Freunde Aperol in der Sonne schlürfen. Kinder zu bekommen, ist von Natur aus antifeministisch. Es geht nicht anders. Der Mann wird nie so viele Opfer bringen können. Er kann seinen Körper nicht opfern.
Und abgesehen davon? Sollte ich mich nicht irgendwie vorbereiten? Hat denn noch keine eine Anleitung dafür geschrieben? Wann hört man auf zu trinken? Was ist mit Folsäure? Was ist überhaupt Folsäure? Egal, google ich, wenn es soweit ist, richtig? Aber wann weiß ich, dass es soweit ist? Wann werde ich bereit sein? Oder werde ich es für immer overthinken?
Es ist, als wäre ich nicht bereit, mein aktuelles Leben loszulassen, weil ich so viel daran liebe. Aber darauf zu warten, dass ich unglücklich bin, um Kinder zu bekommen, ist ganz sicher nicht die Lösung. Vielleicht ist es gut so, wie es ist. Vielleicht muss ich so sehr in mein Leben verliebt sein, wie gerade, um überhaupt bereit zu sein, es mit jemandem zu teilen, ohne mich selbst zu verlieren.
Vielleicht bedeutet Erwachsenwerden nicht, weniger Möglichkeiten, bzw. Türen zu haben. Vielleicht bedeutet es nur, die gewählte Tür bewusst zu lieben.
Eine weitere Wahrheit ist, ich würde gar nicht mit den Mädels aus dem Bus tauschen wollen. Ich spüre, wie diese wunderschöne Zeit hinter mir liegt. Und FOMO habe ich immer für uncool gehalten. Damit fange ich jetzt nicht an. Ich werde mein Leben so leben, dass ich es liebe. Dann stehe ich eben mit alkoholfreiem Aperol am Stadtstrand und schaue mit meinen Freunden in den Sonnenuntergang.
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