The Fear of Being Perceived
Will ich mir nicht eingestehen, dass ich einen aggressiven Hund habe? Oder weiß ich es besser, weil sie meine Hündin ist und ich sie kenne? Muss ich mir von fremden Leuten, Arbeitskollegen oder Bekannten sagen lassen, dass hier ein Problem vorliegt? Als wäre es mir nicht bewusst, dass sie viel zu oft bellt, dass sie unsicher ist und mich beschützen will. Dass sie denkt, ihr Job wäre es, Verantwortung zu übernehmen, und sie deshalb Fremde verbellen will. Dass ich nicht weiß, wie ich ihr klarmachen kann, dass ihr Job nur darin besteht, süß zu sein?
Doch darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass mich Leute verurteilen. Die überforderte Hundebesitzerin. Für Außenstehende ist es viel zu leicht, zu verurteilen. Als Teenager war es mir völlig egal, was andere über mich denken. Damals war ich so viel cooler. Jetzt tut es einfach nur weh. Es mag die Wahrheit sein, die Fremde hier aussprechen. Ja, meine Hündin wirkt aggressiv, wenn sie bellt. Es ist nicht okay, was sie tut. Und weiter?
Im Dorf würden die Leute tratschen. Wenigstens entgehe ich in der Stadt der Bitterkeit, mit der im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, getratscht wurde. Hier wird man nur schräg angeschaut, angepöbelt oder bekommt einen unfreundlichen Kommentar. Und oft bin ich versucht, mich in einen Streit verwickeln zu lassen. Es scheint wie der perfekte Moment, um dem Frust meines Lebens freien Lauf zu lassen. Einer fremden Person Worte wie Dolche in die Brust zu jagen, weil sie mich schräg von der Seite angequatscht hat, weil sie sich in der Schlange vordrängelt oder auf eine andere Art sozial unangebracht verhält. Manchmal scheitert es an Schlagfertigkeit, meistens weiß ich es auch besser. Es ist besser, seine Wut für sich zu behalten. Diskutieren hat in der heutigen Gesellschaft ohnehin selten einen Sinn.
Ich war gestern mit meiner Schwester auf einem Indie-Konzert. Die Crowd wirkte, als hätte man die Teilnehmer der Kegel-Meisterschaft 1987 eingeladen. Weiße Männer 50+. Einer davon viel zu dicht hinter uns. Auf meine Bitte, Abstand zu halten, hatte er die beste Boomer-Antwort des Jahres: Er habe ja das gleiche Geld bezahlt wie wir. Das gibt ihm dann wohl das Recht, meine kleine Schwester zu belästigen. Aber als gut erzogene Frau fängt man keinen Streit an. Man schweigt oder bringt sich anderweitig in Sicherheit.
Es gibt Situationen, die einen einfach nicht loslassen. Wenn man nachts nicht einschlafen kann, kriechen sie ins Bewusstsein und wollen on repeat durchgespielt werden, immer bis zu dem Punkt, an dem man mit einer schlagfertigen Antwort den Sexismus benennen oder den anderen augenscheinlich zum Schweigen bringen könnte. Ist es, weil einem die Situationen peinlich sind? Oder weil man nicht nach seinen Werten gehandelt hat? Weil man nicht die Person war, für die man sich selbst hält?
Es mag Überforderung sein, vielleicht bin ich auch einfach ein Sensibelchen, das lernen musste, taff zu sein, um in dieser Welt zu bestehen. Vor kurzem hätte ich beim gemeinsamen Lunch mit dem Team fast geweint. Etwas, das ich bei meinen Kollegen noch nie beobachtet habe. Es ging um meine Aussage, dass ich mir Adoption vorstellen könnte und nicht versessen darauf bin, meine Gene weiterzugeben (aufgrund von Vorerkrankungen, die ich nicht im Arbeitskontext offenlegen wollte). Meine Kollegen haben sich daran aufgehängt, dass ich meine Gene nicht für lebenswert halten würde, und nicht aufgehört zu reden, bis ich geschwiegen habe. Schweigen ist so eine mächtige Waffe, vor allem gegen empathische Menschen.
The Fear of Being Perceived spielt hier sicherlich auch mit. Ich arbeite mein Leben lang daran, es abzulegen. Von der Schülerin, die nie im Unterricht gesprochen hat, wurde ich zu der Person, die Aufmerksamkeit und die große Bühne liebt. Es gibt aber immer noch Momente, in denen ich das Gefühl habe, zu groß, zu laut oder im Weg zu sein. Ich hasse es, zu Hause Sport zu machen, wenn mein Mann da ist. Es ist total unlogisch, aber ich fühle mich sogar beobachtet, wenn er im Nebenraum ist. Warum mir das im Gym nichts ausmacht, weiß ich nicht. Es mag daran liegen, dass dort der sozial angebrachte Raum für Sport ist.
Meine Wut ist nicht per se gegen die Boomer, Kollegen und schon gar nicht gegen meinen Mann gerichtet. Es ist Wut auf die Unmöglichkeit der Situationen. Ich kann unmöglich meine gesamte Wahrheit offenlegen. Meinen Unsicherheiten freien Lauf lassen. Ich kann niemanden überzeugen, mich zu sehen. Mich mit meiner gesamten Persönlichkeit wahrzunehmen. Situationen im komplexen Gesamtzusammenhang zu sehen. Und ich muss es auch nicht. Ich muss nur damit leben, nicht von jedem verstanden zu werden. Nicht die People-Pleaserin für die Werners und Dieters der Welt zu sein.

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