Sommernachtsträume der falschen Generation
"Falls du noch wach bist, sag mir eins: Können wir nicht für immer sorglos, frei und jung sein?
Nur ist es nicht erlaubt, zu leben, ohne einen Gedanken an die ungewisse Zukunft zu verschwenden.
Dafür wurden wir in der falschen Generation geboren."
- Knochen & Träume / Blog 2012
Ich schätze mein jugendliches Ich sehr hoch. Sie hat die Welt auf eine klarere und ungeschöntere Weise gesehen. Als ich 2012 dieses Gedicht geschrieben habe, war mir wahrscheinlich gar nicht klar, wie recht ich damit hatte. Meine jungen Worte konnten Wahrheiten so klar auf den Punkt bringen, dass es mich heute noch erschreckt. Ich weiß nicht, wann ich das verlernt habe. Oder warum.
Mit fünfzehn war ich Nihilistin durch und durch. Für mich waren Menschen nur Tiere mit Überlebensinstinkt. Arterhaltung als einziger Sinn des Lebens. Mit sechzehn war ich dann eine etwas hoffnungsvollere Realistin. Arterhaltung wurde zum Wunsch, Mutter zu sein. Und heute mit dreißig, ein halbes Leben später?
Was bin ich heute? Ich bin immer noch wütend, in der falschen Generation geboren zu sein. Ich bin wütend, dass ich so viel härter für meine Träume kämpfen muss. Ich bin wütend, dass ich in meiner Kindheit und Jugend ein Versprechen bekommen habe, das all meinen Bemühungen zum Trotz nicht eingehalten wird. Das Versprechen, wenn ich mich nur genügend anstrenge, etwas lerne und die Karriereleiter in einem Büro hochklettere, würde ich es besser haben als meine Eltern. Denn sie hatten es ja auch besser als meine Großeltern, und die hatten es besser als meine Urgroßeltern. Es ist keine Philosophie, nach der ich lebe, sondern einfach Wut auf die Unfairness des Lebens.
Meine Familie hat dabei keine Schuld. Es ist das große Problem meiner Generation. Wir wurden alle mit diesem Versprechen erzogen, und wir wurden somit auch alle betrogen. Alles, was ich will, ist eine schöne Wohnung und die Zeit, meine eigenen Kinder großzuziehen. Nichts davon ist einfach so möglich. Meine Mutter hat meine gesamte Kindheit und Jugend nur einen Tag pro Woche gearbeitet. Ich bin in einem Haus mit großem Garten aufgewachsen. Und meine Eltern waren alles andere als reich.
Ich bin so viel besser aufgestellt, aber Wohnungsmarkt, politische Lage und das grundsätzliche Weltklima scheinen es auf meine Träume abgesehen zu haben. Wir sind zu spät geboren, um im Kapitalismus mitspielen zu können. Zu spät auf der Bühne des Lebens, um mitzuspielen. Der Applaus galt denen vor uns. Das ist der wahre Late-Stage Capitalism.
Aber meine Wut ist so wenig zielführend. Es muss einen besseren Weg geben, mit den Gegebenheiten umzugehen. Wenn man unglücklich ist, gibt es in der Regel nur drei Möglichkeiten:
- Man verändert die Situation
- Man verändert sich selbst
- Man lernt, die Situation zu akzeptieren
Um etwas an der Situation zu verändern, müsste man stark politisch aktiv werden. Das ist nichts für mich. Um mich selbst zu verändern, müsste ich entweder meine Ansprüche an mein Leben zurückschrauben oder meinen Kinderwunsch töten. In beiden Fällen kann ich die Depression schon anklopfen hören. Es bleibt also nur die Akzeptanz. Ich muss akzeptieren, dass nichts davon einfach wird. Ich muss bereit sein, das gebrochene Versprechen zu vergeben und damit beginnen, mich an eine Alternative zu gewöhnen.
Wie kann man etwas akzeptieren, das sich so unfair anfühlt? Man muss kreativ werden, die Schönheit in den kleinen Momenten finden und die Schwierigkeiten romantisieren. War es nicht immer langweilig, wenn man bei den Sims zu oft „motherlode“ eingegeben hatte? Sie hatten die tollste Wohnung, aber das Spielen selbst war eintönig, ohne Herausforderung. Waren wir nicht alle am glücklichsten, als wir frisch in die erste eigene Wohnung eingezogen sind und unter der alten Stehlampe auf dem Teppich Pizza gegessen haben? Die Unfairness des Lebens kann so romantisch sein, wenn man nur will.
Es geht nicht darum, in einer Illusion zu leben. Ich habe hohe Ansprüche an mich und mein Leben, und es gibt vieles, das ich nicht bereit bin zu opfern. Ich werde nicht aufs Land ziehen, ich werde nicht in einer hässlichen Wohnung wohnen, ich werde nicht auf Kinder verzichten. Mir ist bewusst, dass es hart wird. Keiner hat gesagt, dass es einfach wird. Aber das Leben, das ich mir ausmale, ist eines, für das es sich zu kämpfen lohnt.
Manifestieren war schon immer mein Ding. Noch bevor ich das Wort dafür kannte, habe ich mir mein Leben ausgemalt. Als ich achtzehn war, habe ich mir vorgestellt, dass ich in meinen Zwanzigern in einer Großstadt leben würde, in coolen Klamotten ins Büro kommen würde und mit einem kleinen schwarzen Koffer auf Geschäftsreisen gehen würde. Ich habe mir meine Wohnung ausgemalt, meinen Partner und meine Freizeit. Es ist nicht genauso gekommen wie gedacht: Die Wohnung sieht anders aus, aber besser. Die Geschäftsreisen sind deutlich weniger glamourös. Und doch bin ich hier. Die Worte, die mich seit fünfzehn Jahren begleiten, werden mich nie verlassen: Es wird alles gut. Es wird immer alles gut (denn es ist noch nie nicht gut geworden).
Heute stelle ich mir vor, wie ich in der Wohnung unter unserer lebe, Dinnerpartys veranstalte, während mein Mann unsere Teenager-Kinder zu Sleepovers bringt. Ich bin in dieser Vorstellung eine erfolgreiche Autorin, die an ihrem nächsten Bestseller arbeitet. Ich erzähle meinen Freunden davon, wenn wir am großen Tisch auf dem selbst renovierten Balkon sitzen, über uns der Sternenhimmel einer lauen Sommernacht. Unterdessen werden meine Kinder ihre Freunde in der Nacht anstupsen und fragen: Falls du noch wach bist, sag mir eins: Können wir nicht für immer sorglos, frei und jung sein?
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