Die Kunst, im Moment zu leben
Du kannst nicht zugleich Regisseur und Protagonist deines Lebens sein. Wenn du auf einem Konzert filmst, macht du dich selbst zur Crew, statt zum Ensemble. Und wofür? Damit deine Erinnerung nie verblasst?
Ich kann verstehen, dass das Verlangen groß ist, die eigenen Erlebnisse dokumentieren zu wollen, sie mit Personen teilen zu wollen, die nicht daran teilgenommen haben. Von einem Konzert nach Hause zu kommen und dem Partner einen Einblick zu geben, was man gerade gemacht hat. Oder sich selbst in den nächsten Jahren, die Erinnerung zurückzuholen. Aber ist es den Preis wert, den Moment aus der Perspektive einer Filmcrew zu erleben, statt aktiv daran teilzunehmen?
Ich war gestern auf einem Konzert und es war großartig! Die Momente, die mich berührt haben, habe ich in mein Herz geschlossen - besser als meine Handykamera das je könnte. Ich erinnere mich an jedes Konzert, auf dem ich in den letzten Jahren war. Vielleicht verschwommener und verklärter, aber es ist alles da, was ich brauche.
Gestern kam ich nicht umhin in die Kameras vor mir zu blicken und mich zu fragen, wofür? Ist es aus Gewohnheit, Überforderung oder Komformität? Oder ertragen wir es nicht, uns unserer eigenen Vergänglichkeit zu stellen? Zückt man das Handy, wenn die Angst, dass wir alle sterben und unsere Erinnerungen mit uns, überwiegt?
Wie gern hätte ich einen Film meines Lebens, den ich einfach on repeat durchlaufen lassen kann, wenn ich melancholisch oder nostalgisch bin. Mit der passenden Filmmusik, einer guten Story und vor allem einem Vibe. Ich widerstehe der Versuchung dennoch, auf Konzerten mitzufilmen, mein Essen im Restaurant zu fotografieren oder Selfies vor dem Rheinturm zu machen. Zumindest meistens (siehe Foto).
Es ist pure Ironie, wie unsere Gesellschaft mit Performances umgeht. Auf der einen Seite versucht sich jeder ständig selbst zu inszenieren und die eigene Persönlichkeit zur Marke zu machen, auf der anderen Seite scheint sich keiner mehr für die Performance der anderen zu interessieren. Als hätten wir verlernt, was Performance-Kunst eigentlich ist.
Die große Frage ist: Wird Performance-Kunst zerstört, wenn man sie dokumentiert? Wird ein Moment zerstört, wenn man versucht, ihn einzufangen? Oder brauchen wir einen Anker, für den Vibe unseres Lebens? Werden wir so selbst zur Performance? Kunst in kleinen Filmschnipseln, die uns sagen: Das liebe ich und ich bin, was ich liebe.
Kunst ist für mich etwas, das ich fühlen kann. Sie muss mich berühren. Das Erschaffene braucht eine Seele. Bilder, Musik, Texte ja sogar Gerichte können technisch noch so gut sein, wenn sie mich nichts fühlen lassen, ist es keine Kunst für mich. Ein sehr subjektiver Kunstbegriff. Ich weiß. Ist der Videoschnipsel des Konzerts dieser Definition nach Kunst, wenn das Gefilmte Gefühle in mir auslöst?
Oder ist es nur ein blasser Schimmer der eigentlich Kunst? Der Performance selbst.
Es scheint mir leichter zu fallen, als meinen Freunden, in den schönen Momenten auf das Smartphone zu verzichten. Denn ich habe noch ein anderes Medium, um mein Leben einzufangen und festzuhalten. Ich schreibe. Ich bin jeder Ader meines Seins Autorin. Mir steht die komplette Welt der Worte offen, um meine Erinnerung an das Konzert festzuhalten. Wo liegt hier der Unterschied zum Fotografieren und Filmen? Ich kann den Moment genießen, ihn in mich aufsaugen und ihn dann nachträglich - zeitverzögert - dokumentieren, romantisieren und in das Narrativ meines Lebens einweben.
Schreiben ist für mich mehr als das. Es ist mein bester Weg zur Reflektion. Wenn ich nach einem Reim für ein Gedicht suche, ist es als würden sich mit jedem Wort meine Gedanken sortieren und am Ende zu einem Entschluss führen. Ich kann mit den großen Einschnitten in meinem Leben abschließen, wenn ich sie Charakteren in meinem Roman durchleben lasse. Wie man an dieser Kolumne unschwer erkennen kann, kann ich nur über Dinge schreiben, die ich erlebt habe. Ich kann gar nicht anders, als zu schreiben.
Meine Erinnungen sind somit ordentlich verräumt in meinen Geschichten und Gedichten. Ich mache mich nicht zur Regisseurin meines Lebens, sondern zur Autorin. Es ist nicht besser oder schlechter - nur anders. Wie wir alle liefere ich eine erstklassige Show ab. Nur meine Performance findet nicht auf einem bewegten Bildschirm statt, sondern zwischen den Zeilen.
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