Du bist nicht deine Job-Beschreibung. Du bist mehr.
Cafés, die 2026 noch Aufpreis für Hafermilch verlangen, sind unsympathisch. Ist das der tiefgründigste Gedanke, den ich diese Woche hatte? Absolut. Bestand meine Woche aus Kaffee, einem Bildschirm ohne Blaulichtfilter und meiner Jogginghose? Erwischt. Habe ich alle meine guten Vorsätze über Bord geworfen, weil in meinem Non-Sense Marketing-Job bis Ende der Woche eine Präsentation von mir verlangt hat? Schuldig.
Warum passiert mich das immer wieder? Wie kann es sein, dass eine gesamte Woche für mein Arbeits-Ich drauf gehen kann? Neben Arbeiten habe ich diese Woche die Serie Severance nach Feierabend gesehen. Eine Serie über einen sinnlosen Bürojob im weitesten Sinne. Der Satz, der mir besonders gut gefällt: The work is mysterious and important. Ich weiß, dass mein Job nicht wichtig ist. Er ist das Gegenteil. Und denoch falle ich auf die immer gleiche Falle immer wieder herein.
Wie schaffe ich es, meinen Selbstwert von meinem Wert für einen gesichtlosen Großkonzern zu trennen? Es tut einfach gut, wenn man etwas gut kann. Und ich kann meinen Job gut. Ich bin eigentlich maßlos überqualifiziert. Aber die Bezahlung passt und in 8 von 10 Wochen habe ich eine gute Work-Life-Balance. Wir sind ein kleines Team und lange Zeit habe ich Freundschaften und Arbeit strikt getrennt. Das hat sich seit ein paar Monaten geändert. Jetzt ist es mir nicht mehr egal, wenn meine Kollegen gestresst sind. Jetzt will ich arbeiten, um sie zu entlasten. Und zugleich ist ein Opiumkrieg der Komplimente auf mich eingebrochen. Ich bin süchtig nach der Anerkennung, die an jeder Ecke auf mich wartet, weil - wie gesagt - ich bin maßlos überqualifiziert. Verfallt nicht der Illusion, da würde eine Beförderung auf mich warten. Oder eine echte Anerkennung im Sinne von monetärer Anerkennung. Und so haben sie mich abhängig gemacht von den Brotkrumen an Lob, die sie mir hinwerfen. Fuck, bin ich frustiert von diesem Bullshit-Job.
Ich will diesen Job ja nicht einmal. Ich will diese Karriere nicht. Ich will ein Privatleben. Ich will Autorin sein. Eines Tages will ich Mutter sein. Ich will mich über die Dinge definieren, die ich liebe, nicht die, mit denen ich die meiste Zeit verbringe. Letzten Samstag war einer der schönsten Tage seit langem. Ich war auf dem Flohmarkt mit meiner Schwester und mit meinem besten Freund im Museum. Zwei Verabredungen an einem Tag. Und das Museum hat so gut getan. Es ist seltsam, wie anstrengend und zugleich inspirierend Austellungen sein können. Es ist als würde man daraus eine andere Art Kraft schöpfen. Nur, dass ich von dieser Kraft nichts mehr übrig habe, sobald es Montag 9 Uhr schlägt.
Es ist, als wäre ich zwei Persönlichkeiten. Meine Arbeitsperon, meine "Innie", die alles dafür tut, dass man sie für klug, fleißig und zuverlässig hält und meine "Outie", die Freiheit und Kreativität über alles stellt. Anders als in Severance kennen sich meine beiden Persönlichkeiten allerdings. Und meine Outie verachtet meine Innie zutiefst. Und meine Innie bewundert meine Outie. Das klingt so ungesund!
Es muss aufhören, dass ich die beiden Personas so strikt trenne. Ich muss aufhören aus meinem Job ein Game of Thrones zu machen, das ich nicht gewinnen kann. Weil ein Teil von mir nicht einmal spielen will, geschweige denn gewinnen. Ich muss meine Strategie ändern. Ich muss Grenzen setzen, das Minimalprinzip fahren, mich von extra Projekten fern halten, am besten einfach so wenig sagen, wie möglich. Ich muss Leute dazu bringen, mich nicht mehr zu mögen - die Königsdisziplin einer ehemaligen People-Pleaserin. Wenn ich zum ungeliebten Underdog werde, lassen sie mich dann in Ruhe?
Oder muss ich erstmal einen Entzug machen, von der Sucht nach Anerkennung? Was wäre, wenn ich mit den Aufstiegschancen, den Boni und dem Lob gedanklich abschließe? Die Jagd beende. Wenn ich den Tür "Karriere" schließe. Für immer. Ohne den Spalt offen zu halten, ohne etwas warm halten zu wollen, was mir ständig überkocht. Das würde ich nach Freiheit anfühlen. Nicht wie Versagen. Nur da ist dieses kleine, schwarze, pelzige Angstbällchen in meinem Bauch. Oder ist es Gier? Es schreit auf jeden Fall nach (finanzieller) Sicherheit.
Arbeiten, um zu leben, nicht leben, um zu arbeiten. Ich darf nicht zulassen, dass die Angst gewinnt. Es braucht nicht viel, um sie zu zerschlagen: Freunde, Liebe, Hobbys. Es sind alltägliche Augenblicke wie, der spontane Kinobesuch mit einer Freundin, der kurze Moment des gemeinsamen Kuschelns mit dem Hund, der mitgebrachte Coffee-To-Go bei dem die Hafermilch nicht extra kostet, die die Angst in Zaum halten. Auf das nächste Woche wieder eine "Outie"-Woche wird!

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