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11. Januar 2026

Kolumne No. 2

Sein statt werden

Es ist fast, als würden die Girls of Instagram sich selbst wie eine leblose Marke behandeln. Sich selbst re-branden, um in eine Aethetic zu passen. Das spielt definitiv in das Romantisieren des eigenen Lebens ein, aber ist doch ein sehr kurzfristig gedachter Ansatz. Es ist, als würde man immer nur Lebenskonzepte, Vibes oder Snapshots angeboten bekommen, in die seine Persönlichkeit hüllen kann. Aber das macht doch keine Persönlichkeit aus. Eine starke Persönlichkeit kommt nicht von Dingen, die man kaufen kann. 

Allerdings können Dinge zu deiner Persönlichkeit werden. Wie? Über Zeit. Ich trage seit über zehn Jahren die gleiche Handtasche. Wenn man diese Tasche sieht, denkt man an mich. Es ist der Sound meiner Absätze über Holzboden, woran man mich erkennt. Ich habe Freundinnen, an die ich immer denken muss, wenn ich ein bestimmes Parfum rieche. Oftmals ist es sogar die Kombination aus Dingen. Selten fühle ich mich mehr, wie ich selbst, als in dem einen Outfit, das ich seit Jahren besitze. Das ist für mich persönlicher Stil. Nicht der neusten Aethetic hinterzulaufen nur weil man einen Teil seiner Persönlichkeit in ihr sieht oder etwas darin sieht, das man gern sein würde. 

Zeit in die eigene Persönlichkeit zu investieren ist allerdings so viel schwieriger als Geld. Das gilt auch für die eigene Wohnung, nicht nur für den Kleidungsstil oder das Aussehen. Natürlich kann man sich auf Desenio eine Bilderwand zusammenstellen und eine Woche später ist sie da - oder man lässt sich Zeit und hat dann zu jedem Bild eine Geschichte zu erzählen. Ich habe beide Arten von Wänden in meiner Wohnung. Zur Desenio-Wand wurde ich noch nie etwas gefragt, während ich die Geschichten über die langsam entstandene Bilderwand bereits allen meinen Freunden erzählt habe. Sich Zeit lassen, bedeutet allerdings auch in Unfertigkeit zu leben. Leben im Prozess. Das ist nicht so leicht auszuhalten. Aber es lohnt sich. 

Es gibt so viele Videos und Inhalte, in denen einem gezeigt wird, wie man "That Girl" werden kann. Kaufe jene Skincare, verhalte dich so-und-so, mache diese Diät. Wenn du dünn bist, kannst du sein. Bis dahin hast du zu werden. Ein Leben in der Zukunft statt im Hier und Jetzt kann doch kein glückliches Leben sein. 

Was zudem in all diesen Videos niemals besprochen wird, ist der Fokus auf echte Beziehungen, Freundschaften, Bekanntschaften. Oft geht es nur um einen Fokus auf sich selbst. Erst, wenn man sich selbst fertig optimiert hat, darf man in die Gesellschaft als würdiges Wesen eintreten. Das ist überspitzt dargestellt, ich weiß. Im Kern geht es aber doch genau darum. Du musst darauf warten, bis du es verdient hast glücklich zu sein. Ich persönlich bin am glücklichsten, wenn ich nicht einmal die Zeit habe, mir Gedanken um mein Aussehen, meine Außenwahrnehmung und meine Essgewohnheiten zu machen. Ich bin am glücklichsten, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich mag. 

Diese Woche war eine richtig schöne Woche, weil ich mehr Tage hatte, an denen ich Freunde getroffen habe, als Abende allein vor einem technischen Gerät. Meine Schwester ist in meine Stadt gezogen, ich hatte Freunde zum Essen da, ich war im Museum und hatte eine fantastische Date Night mit meinem Mann. Mit meiner Hündin Mia bin ich in diverse Schneeabenteuer geraten - inklusive eines Schneesturms in der Mittagspause (Bild anbei). 

Einer meiner Vorsätze ist, mindestens ein soziales Event pro Woche zu haben. Das klingt tief gestapelt, aber ich weiß, dass ich vor allem im November / Dezember letzten Jahres durchaus Wochen hatte, in denen meine Leben aus Arbeit und Couch bestand. Viele meine Freundinnen wohnen nicht in meiner Stadt, weshalb wir zu gemeinsamen Wochenend-Trips übergegangen sind - sehr zu empfehlen. Meine Freundinnen kannten sich bis zu meinem Jungesellinnenabschied nicht einmal. Da wir uns alle aber richtig gut verstanden haben, wollen wir dieses Jahr nochmal ein Wochenende gemeinsam verbringen. Das sind die Momente, die mich glücklich machen. Und dadurch ist das auch einer der Vorsätze, der mir am leichtesten fällt. 

Mit all meinen Vorsätzen gehe ich sorgsam um. Wie letzte Woche angekündigt, habe ich insgeamt in acht Kategorien Vorsätze. Man kann sich nicht auf alles gleichzeitig konzentrieren. Und selbst, wenn man sich nur auf eins konzentriert, ist es wichtig, dass man liebevoll mit sich selbst umgeht. Das weiß ich, weil ich damit meistens zu kämpfen habe. In der ersten Januarwoche war ich gar nicht beim Sport, diese Woche habe ich trotz Krankheit 2 mal Sport gemacht. Das ist ein Anfang. War das Ziel höher? Natürlich. Ist 2 mehr als 0. Auch das ist wahr. Ich verfolge eine Youtuberin, die ein Messi-Problem hat (Hoarder's Heart). Sie sagt immer, sie macht alles in Baby-Steps. Und genau diesen Ansatz verwende ich auch für meine Vorsätze. Es geht nicht darum, sein Leben in einer Woche umzukrempeln, sondern das Leben im Prozess zu ertragen, vielleicht irgendwann sogar zu genießen. Auf jeden noch so kleinen Erfolg stolz zu sein. 

Meine aktuelle Strategie ist, alle Vorsätze gleichzeitig zu bearbeiten, aber mich auf gewisse Aspekte zu fokussieren. Mein Ziel für meinen Job ist beispielsweise weniger Workaholic und mehr Unterdog zu werden. Ich habe damit angefangen, nur vormittags ins Büro zu gehen und nachmittags im Home Office zu arbeiten. Zudem versuche ich in Meetings meinem Mund zu halten (gelingt mir noch nicht ganz). 

Mein liebster Vorsatz im Moment ist mich selbst weiterzubilden. Ich fange damit an, alle ungelesen Bücher in meiner Wohnung zu lesen. 40 Seiten pro Tag. Das klappt erstaunlich gut. Ich habe mir dafür eine Tabelle erstellt, mit genauen Lesezielen pro Buch. Dabei will ich vier Bücher parallel lesen. Ein fiktionales Spaß-Buch zur generellen Motivation, einen Klassiker für die Schreibskills, ein Sachbuch, weil AI das, was wir wissen, verwischt und ein Lyrik-Buch für die Gefühle. 

Jeder Vorsatz, der mir am schwer fällt, hat mit dem Aufbau von Routinen zu tun. Was, jetzt, wo ich es aufschreibe, sehr logisch klingt. Routinen bauen sich nicht innerhalb einer Woche auf. Sie brauchen ewig und sind aber innerhalb einer Woche komplett zerstörbar. Regelmäßiges Schreiben, Sport, Morgen- und Abendroutine machen mein Leben so viel besser und dennoch muss ich bei allem so viel Willenskraft aufwenden. Es heißt, es braucht 60 Tage um eine Routine in eine Gewohnheit zu verwandeln. Ich kann im März ja mal ein Update geben, ob das klappt. 

Natürlich ist diese Kolumne auch ein Vorsatz. Sie soll mir helfen, mich an meine Vorsätze zu halten, in dem ich mich hiermit verpflichte. Das bedeutet, ihr hört von mir jetzt wöchentlich. 

(Ich hab's getan, ich hab mich dazu verpflichtet, wöchentlich zu schreiben!) 

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