Main-Character-Syndrome
Ist meine Geschichte auserzählt? Ist es soweit, dass ich nicht mehr der Hauptcharakter meines eigenen Lebens sein werde?
Das neue Jahr hat begonnen. Ich habe mir wie jedes Jahr die üblichen Verdächtigen als Vorsätze gesteckt. Zurück in die Routinen - ein gesünderes, besseres Ich werden. Und dennoch habe ich das Gefühl, dass es nicht mehr viel zu tun gibt. Ich bin dreißig, verheiratet, habe einen Hund und einen soliden Job. Es gibt kein Drama mehr. Meine Freunde haben die spannenden Geschichten und Entwicklungen. Ich beobachte nur noch. Und ich weiß nicht, ob das etwas Gutes oder Schlechtes ist.
Ich hatte doch schon Main-Character-Syndrome, bevor es überhaupt ein Wort dafür gab. Wie man nicht der Hauptcharakter seines eigenen Lebens sein soll, übersteigt meinen Horizont. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie das gehen soll. Und es macht mir ehrlich gesagt Angst.
Meine Youtube-Bubble ist voll von Leuten, die 2026 zu ihrem Jahr machen wollen. Abnehm-Journeys, Declutter-Videos und paradoxerweise Tipps wie man endlich Social Media "quittet". Girl, dein Job ist Social Media - Denkst du wirklich, dass du die richtige Person bist, dafür Tipps zu geben?
Wer ein Offline-Leben hat, gibt keine Tipps auf Social Media. Man lebt sein Leben im Hier und Jetzt, oder? Würde ich über mich sagen, dass ich ein Offline-Leben führe? Kann man überhaupt noch ein Sozialleben haben, wenn man 100% offline ist?
Letztes Jahr habe ich mich von Social Media großteils verabschiedet. Ich habe nur noch Youtube auf meinen Geräten installiert, weil ich ohne Videos über das Weltall oder Game of Thrones nicht einschlafen kann. Ein Laster, das ich beschlossen habe, nicht aufgeben zu wollen, weil es mich zu glücklich macht und dafür zu wenig schadet. Zum Glück sind YouTube Shorts so ein furchtbarer Ort, dass man dort auch freiwillig keine Zeit verbringen will - außer man ist richtig schlimm verkatert. Youtube selbst ist für mich das, was früher Fernsehen war. Ich schaue meine "Serie" (aka bestimmte Kanäle, deren Videos ich jede Woche sehe) und gucke, was mir sonst so vorgeschlagen wird. Und wir zahlen für Youtube Premium. Sonst wäre wohl auch das ein unerträglicher Ort.
Mit einem Job in der Werbebranche kann ich sagen: Es ist abzusehen, dass alles, das sich mit dem Internet verbinden lässt, potentiell Werbung ausspielen kann. Der Kühlschrank, jede einzelne App, sogar das kleine Bedienfeld auf der Waschmaschine. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass europäische Gesetzgeber das so einfach zulassen werden, aber technisch ist es bereits jetzt möglich.
Was ich damit sagen will: Jeder technische Fortschritt ist solange toll, bis er von Werbung ruiniert wird. Google, Blogs, Instagram, Podcasts und irgendwann sicherlich auch ChatGPT. Und Social Media ist diesem Phänomen schon zum Opfer gefallen. Es gibt dort nichts mehr, das sich für mich echt anfühlt.
Mein Leben ist so viel besser ohne Social Media, ohne digitale Medien generell. Je weniger ich auf Bildschirme schaue, desto glücklicher bin ich. Auch wenn es gerade "trendy" ist, analog zu sein - manchmal haben Trends einen guten Grund. Mir ist bewusst, dass ich mit der Kolumne, die ich hier starte, alles andere als analog unterwegs bin. Da das hier ohnehin niemand liest, zählt das doch aber nicht als Social Media, oder?
Hier kann ich Carrie Bradshaw spielen kann. Denn ich kann nicht anders, als mein Leben zu romantisieren. Das ist für mich ein viel zu großer Bestandteil von einem glücklichen Leben. Es muss eine Geschichte erzählen und am besten eine gute. Da wären wir dann wieder beim Main-Character-Syndrome. Mir ist durchaus bewusst, dass der Begriff abwertend konnotiert ist. Für mich allerdings nicht. Für mich ist es das beste Mittel gegen Depression. Wenn ich es schaffe meinen Alltag zu romantisieren, ist das wie ein Schutzschild gegen Existenzkrisen.
Nein, meine Geschichte ist noch nicht auserzählt. Ich brauche nur einen Hebel, der mich in die Verantwortung zieht, meinen Alltag zu romantisieren. Dabei geht es nicht darum, eine große Veränderung herbeizuzaubern, eher die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen, wieder zu sehen. Diese Kolumne soll das für mich werden.
Nächste Woche gehe ich genauer darauf ein, welche Ziele ich mir gesteckt habe und wie ich sie erreichen will. Mein Hauptziel bleibt aber: Romantisiere dein Leben, bis du selbst der Hauptcharakter deiner Geschichte bist.
Hier eine kleine Vorschau, was euch nächste Woche erwartet:

